Die Braeuningsmühle in Oeschelbronn - Von 1756 bis 1878 im Besitz der Familie Vetter

50 Jahre im Kreis Luck/Wolhynien


Das hier als Wolhynien bezeichnete Land (früher polnisch Wolhynien), hat mit 20.000 Quadratkilometern etwa die Größe Hessens. Heute bildet es die nordwestlichste Ecke der Ukraine. Begrenzt wird es im Westen durch die polnische, im Norden von der, durch den Pripjet gebildeten, weißrussischen Grenze, im Osten durch das Rownoer und im Süden durch das Lemberger Gebiet. In der Geschichte war es meist unter polnischer, zeitweise unter russischer Herrschaft. Dies Gebiet, in dem sich unsere Vorfahren ansiedelten ist jedoch nur das westliche Drittel, des damals als Siedlungsgebiet von Deutschen bekannten Wolhynien.

Die größte Stadt ist Luck (gesprochen Luzk), die heute 200.000 Einwohner hat. Der Raum in dem sich unsere Vorfahren niederließen liegt nordwestlich der Stadt Luck. Entwässert wird das Land durch die rechten Pripjet-Nebenflüsse Turja, Stochod, Styr und Horyn. Bei Tschernobyl, 60 km nördlich von Kiew, mündet der Pripjet in den Dnjepr, den viertgrößten Strom Europas.




Karte von Wolhynien

Wie bei anderen Siedlungen wohnten die Angekommenen zunächst entweder bei vorausgezogenen Freunden oder Verwandten oder in Erdhütten. Im Gegensatz zu den Siedlungen in Polen gab es hier jedoch keine Reisegelder oder Aufbauhilfen. Während es sich bei den anderen Siedlungen in Russland um staatliche Aktionen mit den entsprechenden Vergünstigungen handelte, kamen die Siedler nach Wolhynien auf Anwerbung privater Grundbesitzer.

Der das Land zum größten Teil besitzende polnische Adel war durch die Finanzierung der Aufstände und die anschließenden Sanktionen in Geldnöten. Außerdem hatte er durch den Verlust der ukrainischen Leibeigenen keine Arbeitskräfte mehr. Da waren die Deutschen, von denen man wusste, dass sie ihre Pacht bezahlten oder Land kauften, sehr willkommen.

Die russische Regierung war von der in diese Grenzregion einströmenden Welle deutscher Siedler überrascht und beobachtete sie mit gemischten Gefühlen. Deshalb kam es 1887 für Nichtrussen zu dem Verbot, in Wolhynien Immobilien zu erwerben.

Weitere Einschränkungen kultureller Art richteten sich nicht nur gegen die Deutschen, sondern auch gegen die erwachenden ukrainischen Freiheitsbedürfnisse. Sie trafen aber die deutschen Siedler hart. So waren ab 1887 die Schulen nicht mehr Besitz der Kirchen, sondern unterstanden dem russischen Amt für Volksaufklärung. Es musste in Russisch unterrichtet werden.

Die Kirchenberichte von Pastor Kern, der der evangelischen Kirche in Roziszcze von 1879 bis zu seinem Tod 1903 vorstand, geben ein anschauliches Bild von seinem Kampf mit den Kulturbehörden um Wege, den Kindern irgendwie die deutsche Sprache zu vermitteln.

Immer neue Erlasse erschweren das kirchliche Leben. Um 1897 kommt eine Wendung zum Besseren. Die Erlasse bestehen zwar weiter, werden aber praktisch nicht mehr angewandt. Die Zeit der vollen Duldung deutsch-evangelischen Lebens seit Beginn der russischen Revolution 1905 bis zum Ersten Weltkrieg hat Kern nicht mehr erlebt.

Andreas Vetter zieht mit seiner Frau Emilie, geb. Wolff, wahrscheinlich im Sommer 1866 von Powsin nach Wolhynien. Sein Sohn Johann ist 5 Jahre, Johanna 3 Jahre und Justyna Dorothea wenige Monate alt. Mit ihm zieht seine Schwiegermutter Dorothea, geb. Ebert, und deren 18jährige Tochter Anna. Der Schwiegervater Andreas Wolff war bereits 1846 in Powsin verstorben.




Karte Dreieck Torczyn – Luck - Rozyszcze

Heiraten und Auswanderungen.

Bereits im Januar 1867 heiratet Anna Wolff, als Wohnort ist angegeben Porading (wahrscheinlich Boratyn) bei Tortschyn. Die Trauung wird in der 1862 eingerichteten Evangelischen Kirchengemeinde Rozyszcze durchgeführt. Von diesem Pfarramt wird später auch beurkundet, dass dem Ehepaar Andreas und Emilie Vetter am 17.11.1868 der Sohn Carl geboren wurde. Die Taufe wird am folgenden Tag durch Lehrer Theophil Hennig vollzogen. Der Wohnort geht aus dieser Eintragung nicht eindeutig hervor, wahrscheinlich ist es noch Boratyn gewesen. Ebenfalls in Boratyn wird am 22.6.1871 noch ein Sohn, Joseph, geboren. Da er später nicht mehr genannt wird kann es sein, dass er schon als Kind starb.

Andreas Vetter wird leider nur 35 Jahre alt. Sechs Jahre nach seiner Auswanderung stirbt er am 23.11.1872. Seine Frau Emilie heiratet am 12.10.1873 noch einmal und lebt mit ihren Kindern und Ludwig Fitzer, ihrem zweiten Mann dann in Siernik. Seinen Namen hat das Dörfchen von der Sierna, die zwischen Luck und Roziszcze bei Rokin in den Styr mündet.

Am 18.5.1881 heiratet die Tochter Johanna Leopold Domröse.

Am 23.8.1882 heiratet der Sohn Johann die auch aus dem Raum Plock stammende Emilie Gatzke.

Tochter Justyna Dorothea heiratet am 8.10.1885 Eduard Wendler.

Die Trauungen finden in der Evangelischen Kirche in Rozyszcze statt.

Im Frühjahr 1892 wandert Emilie mit Ludwig Fietzer, ihrem Sohn Carl und den Familien Domröse und Wendler in die USA aus. Dort stirbt sie 1935 mit 96 Jahren.

Der älteste Sohn Johann, mein Großvater, wandert nicht mit aus sondern bleibt in Wolhynien. Die beiden gründen ihre Familie in dem direkt am Styr gelegenen Nachbardorf Rokin.

Bevor ich auf das Leben dieser Familie näher eingehe, halte ich es für wichtig, die politischen Ereignisse dieser Zeit aufzuzeichnen, denn sie bestimmten weitgehend das Ergehen dieser Generation.

Daten der preußischen und russischen Geschichte dieser Epoche:
Preußen Russland
1855 Alexander II. (1855-81) wird russischer Zar.
Febr. 1862 Aufhebung der Leibeigenschaft für die russischen Bauern
Sept. 1862 Bismarck übernimmt die Leitung der preußischen Innen- und Außenpolitik
1863 sichert er Russland die preußische Unterstützung gegen die polnische Nationalbewegung zu. Daraufhin wird der zweite polnische Aufstand mit preußischer Hilfe niedergeschlagen.
Juli 1866 Österreich wird in der Schlacht von Königgrätz von Preußen geschlagen.
Juli 1870 Frankreich erklärt Preußen den Krieg.
Januar 1871 Frankreich kapituliert.
Der preußische König Wilhelm I. wird zum deutschen Kaiser gekrönt.
1881 Alexander III. wird russischer Zar (1881-1894)
März 1887 Infolge der starken Zuwanderung nach Wolhynien wird Ausländern der Erwerb von Immobilien in den westlichen Gouvernements Russlands untersagt. Es folgen weitere kulturelle Einschnitte für die Wolhyniendeutschen.
1887 Bismarck schließt mit Russland den Rückversicherungsvertrag. Russland verpflichtet sich darin, bei einem Angriff Frankreichs nicht einzugreifen.
März 1890 Abdankung Bismarcks. Seine Nachfolger verweigern die Verlängerung des obengenannten Vertrags, was zur Verstimmung Russlands und zur Annäherung an Frankreich führt.
1894 Nikolaus II. wird russischer Zar.
1905 Die erste Revolution wird niedergeschlagen. Lenin flieht in die Schweiz.
Juni 1914 Der Österreichische Thronfolger wird in Sarajewo ermordet.
August 1914 Russland erklärt Deutschland den Krieg. Der Erste Weltkrieg beginnt. Nachdem russische Truppen tief nach Ostpreußen eingedrungen sind, gelingt es Hindenburg, sie Ende August in der Schlacht von Tannenberg vernichtend zu schlagen. Anschließend Vormarsch der deutschen Truppen durch Polen.
Februar 1915 Der Zar erlässt das Liquidationsgesetz. Es bestimmt, dass alle Deutschen in Wolhynien enteignet und nach Sibirien deportiert werden.
Juni 1915 Die deutschen Truppen erreichen Wolhynien.
1.Juli 1915 Das Liquidationsgesetz kommt zur Anwendung. In Rokin und Umgebung führen die örtlichen Polizeikommissare die Ausweisungen durch.
Ende Juli Die deutsche Armee nimmt Rokin/Luck ein.
Mitte August verbreitet sich in den Sammellagern die Nachricht, dass die Soldatenfamilien zurückkehren dürfen.
Mitte Sept. Die Front kommt 50 km östlich vom Styr zum Stehen.
März 1916 Das deutsche Militär trifft Vorbereitungen zur Evakuierung der restlichen Deutschen.
4.Juni 1916 Beginn der Brusilow-Offensive.
7.Juni 1916 Die russischen Truppen überschreiten den Styr bei Luck nach Westen.
15.12.1917 Waffenstillstand mit Russland.
3.3.1918 Friede von Brest-Litowsk.
11.11.1918 Waffenstillstand mit den Westmächten und Kriegsende.

Wie gestaltet sich das Leben in Rokin?


Johann und Emilie Vetter begründen hier ihre Familie mit der Trauung im Jahre 1882. In den Jahren 1883 bis 1908 werden ihnen zwölf Kinder geboren. Drei von ihnen sterben als Kleinkinder.

Grosseltern




Die Grosseltern:

Johann Vetter
* 15.8.1860
+ 29.4.1943

Emilie Vetter geb. Gatzke
* 12.9.1862
+ 1944

Eine alte in Rokin geborene Frau berichtete mir, dass der Hof der Vetters am Nordende des Dorfes lag. Hier kommt der Styr ganz nahe an das Dorf heran. So spielt der Fluss in den Berichten des Großvaters und meiner Mutter auch eine besondere Rolle.




Dorfstraße in Rokin




Der Styr bei Rokin

Von äußeren Beeinträchtigungen des Schulunterrichts hat Mutter nichts berichtet. Nun war die Schule ohnehin mehr etwas für Zeiten, in denen man nicht zu Hause gebraucht wurde. Die Arbeit auf dem Hof ging vor.

Einen besonderen Raum nimmt das geistliche Leben ein. Großvater Johann Vetter, als Evangelist bekannt, ist im Winter oft in anderen Orten unterwegs. Als Erweiterung des eigenen Lebenskreises wie für den Kontakt zwischen den einzelnen Dörfern sind die Missionsfeste in den umliegenden Siedlerdörfern wichtige Erlebnisse. Hier lernen die Jugendlichen auch oft ihre Lebenspartner kennen. Besonders leuchteten die Augen meiner Mutter, wenn sie von dem Ostersingen berichtete. Der Ostermorgen, oder besser die Osternacht, muss für die Christen des Ostens immer ein besonders eindrückliches Erleben gewesen sein.

Die nächste Generation heiratet

1906 heiratet die älteste Tochter Alwine Friedrich Uttich aus Juljanow Boratin, das etwa 18 Km westwärts liegt. Ihnen werden die Kinder Rudolf (1907), Reinhold (1909), Natalie (1911), Emil (1913) und Marta (1915) geboren.

Am 15. Februar 1911 heiratet Wilhelm Lydia, die Schwester von Friedrich Uttich. Die damalige Braut erinnert sich später daran, an diesem Tag zum ersten mal eine Eisenbahn gesehen zu haben, denn Roziszcze, der Ort der Trauung, liegt an der Eisenbahnlinie Rowno-Kowel. Ihnen wird 1912 die Tochter Olga und 1914 der Sohn Karl geboren.

Das Foto hat Wilhelm im Krieg bei sich getragen. Die Spuren sind deutlich sichtbar.

1912 heiratet Natalie Heinrich Dinter.

1913 wird Tochter Ida geboren.

Auguste, meine Mutter heiratet vier Wochen vor Kriegsbeginn am 28.6.1914 Heinrich Müller aus Huschtsche, den sie auf einem Missionsfest kennen gelernt hat.

Für diese nächste Siedlergeneration entsteht nördlich von Rokin das Dorf Neu Rokin.

Der Ausbruch des Krieges muss für die Familie wie für die anderen deutschen Siedler ein Schockerlebnis gewesen sein. Als Leute, die in dieser abgelegenen Gegend mit der großen Politik kaum in Berührung kamen, erleben sie, wie sie plötzlich Staatsfeinde sind.

Zwar müssen Wilhelm und die Schwiegersöhne Heinrich Dinter und Heinrich Müller als Soldaten zum russischen Militär. Trotzdem kommt sechs Monate nach Kriegsbeginn dieses furchtbare Liquidationsgesetz, das wie eine ungeheure Bedrohung über ihnen hängt und an dessen Durchführung niemand glauben will. Alle Deutschen sollen Wolhynien verlassen und nach Sibirien verbannt werden.

Am 2.6.1915 kommt meine Mutter, die jetzt bei ihren Schwiegereltern in Huschtsche lebt, mit ihrer ersten Tochter Martha nieder. Eine Woche später erhält sie die Nachricht, dass ihr Mann gefallen ist. Sie kehrt mit ihrem Säugling zu ihren Eltern nach Rokin zurück und erlebt mit ihnen im Juli 1915 die Ausweisung aus Rokin.

Deportation 1915 - Flucht 1916


Auf Anweisung der Polizeibehörde stehen die Wagen bereits gepackt, als der Befehl kommt, sofort unter Polizeibegleitung die Heimat zu verlassen. Während man von Westen schon das Grollen der näherkommenden Front hört, treibt man sie in eine völlig ungewisse Zukunft nord/ostwärts. Die Wagenkolonnen werden unter Bewachung etwa 100 km nach Nordosten geführt. Bei David-Gorodock, das zwischen den Einmündungen der Flüsse Styr und Horyn in den Pripjet liegt, werden die Menschen in Lagern zusammengefasst. Nach einigen Wochen müssen sie die Wagen verlassen und in Eisenbahnwaggons die Reise nach Sibirien antreten.

Der Lehrer und Kantor Joseph Weiss beschreibt die Vertreibung der Gemeinde Juljanow, dem Wohnort der Familie Uttich. In Rokin wie in den anderen Orten wird es ähnlich gewesen sein:

„Die Vertreibung der Juljanower Schulgemeinde geschah an einem Sonntag. Wilhelm Drews, der während der Einberufung des Kantors die Predigten las, hatte den Gottesdienst noch vor einem Häuflein verängstigter Frauen und Kinder gehalten, als plötzlich Polizisten und Kosaken in der Kolonie auftauchten. Sie drohten jeden zu erhängen, der nicht innerhalb einer Stunde fort sei.

Unter Tränen wurden die Pferde vor die Wagen gespannt, die man schon seit Tagen auf Anordnung der Polizei gepackt hatte, und zögernd setzte sich der Zug in Richtung Roszczysze in Bewegung, wo die Brücke über den Styr passiert werden sollte. Einige Frauen, die heimlich, geschützt durch das hohe Getreide – man stand unmittelbar vor der Ernte! – zurückgelaufen waren, um das Vieh, die Schweine und das Kleinvieh, das man in der Hast des Aufbruchs vergessen hatte, und die Hunde von ihren Ketten zu lösen, erzählten später unter Tränen von den ersten zwielichtigen Gestalten, die sie auf den Höfen angetroffen hatten und die anscheinend nur darauf warteten, die vollen Häuser und Kammern auszurauben.

Am ersten Tag kam der Treck – etwa 65 Wagen – in schleppendem Schritt nur bis zum Dorf Ulanicki. Hier zeigten sich die, mit einem solchen Zug verbundenen, Versorgungsprobleme.

Die kleinen flachen Brunnen der Ukrainer reichten kaum für die Versorgung des eigenen Viehs, nicht aber für 150 zusätzliche Pferde und etwa 60-70 Kühe. Dazu kam das Problem der Zubereitung warmer Mahlzeiten. Kurzum, die Katastrophe begann sich abzuzeichnen.

Am zweiten Tag kam der Treck durch die deutsche Kolonie Bryszcze. Am dritten Tag erreichte man die geschotterte Straße Kowel – Luck. Hier hörten die Juljanower den Geschützdonner so laut, dass sie neuen Mut schöpften. Hofften sie doch von der Front überrollt zu werden, und dann auf ihre Höfe zurück zu können.

Bei Kopaczowka hielt der Treck und man hielt unter offenem Himmel eine Gebetstunde. Doch die Polizei, die den Zug eskortierte, und die man durch Geld zum Einlegen dieser Pause bewegen konnte, drängte zum Aufbruch. Nur gut, dass die Polizisten kein Deutsch verstanden und nicht ahnten, worum die Männer und Frauen in ihrer Verzweiflung gebetet hatten: „Lieber Gott! Lass doch die Deutschen kommen, damit wir nicht fort müssen!“

So kam man endlich nach Roszczysze“.

Es war wohl trotz des Durcheinanders gelungen, zu den Rokinern Kontakt aufzunehmen. Zu denen die aus Rokin vertrieben wurden gehörten auch Johann und Emilie Vetter. Diese Großfamilie bestand aus den Eltern; der Schwiegertochter Lydia mit ihren 3 und 1 Jahr alten Kindern; die Tochter Natalie mit ihrer 18 Monate alten Tochter und Auguste mit ihrem vier Wochen alten Säugling; sowie dem 16jährigen Leonhard, der 12jährigen Lydia und dem 7jährigen Theodor.

Joseph Weiss schreibt über den weiteren Weg:

„Auf der rechten Styrseite begannen jetzt die sandigen und sumpfigen Wege Polesiens.

Allmählich erreichte der Elendszug bei David-Gorodock den Pripjet. Hier in den Sümpfen ließ man die vielen Menschen unter freiem Himmel campieren, bis eine Seuche ausbrach und viele starben. Endlich, im späten Herbst wurden die armen Leute auf Kähne verladen und bis ins Innere Russlands, manche bis hinter den Ural gebracht.“

Zu den ersten Opfern der Cholera gehören Friedrich und Alwine Uttich. Die fünf Kinder überleben zunächst unter der Obhut ihrer Großmutter Juliane Uttich. Doch die beiden jüngsten Kinder, der zweijährige Emil und die drei Monate alte Marta sind den Strapazen des weiteren Weges nicht gewachsen und sterben unterwegs. Die drei älteren Kinder erreichen mit der Großmutter das Deportationsziel Samara und kehren drei Jahre später nach Wolhynien zurück.

Karte des Deportationsweges




Karte des Deportationsweges

Es gibt Berichte von Leuten, die sich in den Pripjetsümpfen bis zum Frontdurchgang versteckten.

Mehrere Berichte sprechen davon, dass die Soldatenfamilien in den Sammellagern zurückgeschickt wurden. Laut Zarenerlass sollten diese Familien vom Abtransport ausgenommen werden. Die örtlichen Polizeibeamten hatten jedoch in eigener Machtvollkommenheit alle Deutschen auf den Weg gebracht.

Lydia Vetter, die Frau des Sohnes Wilhelm berichtet, dass die Wagen der Vetterfamilie in der Nacht immer so weit zurückfuhren, wie sie am Tag nach nord/osten gefahren waren. So hätten sie die Rettung und den Frontdurchgang erlebt.

Jedenfalls trifft die Vetterfamilie nach vielen Wochen wieder in Rokin ein, das inzwischen unter deutscher Besatzung ist. Während die elterliche Familie in Rokin bleibt, ziehen meine Mutter und ihre Schwägerin Lydia mit den 3 Kindern in Lydias nun leerstehendes Elternhaus nach Juljanow-Boratin.

Nur Einzelne der Siedlerfamilien sind der Deportation entgangen. Sie sind vorerst gerettet. Während die Front ca. 50 km östlich des Styr zum Stehen kommt, leben die beiden Frauen mit ihren drei kleinen Kindern von Herbst 1915 bis Frühjahr 1916 in Juljanow.

Anfang Juni 1916 wird es an der Front wieder lebendig. Unter General Brusilow starten die Russen eine Offensive. Nach drei Tagen sind sie am Styr, den sie bei Rokin und Luck überschreiten.




Karte über die Brusilow-Offensive

In Eile wird das Wichtigste zusammengepackt. Berichte aus 3 Dörfern zwischen Rokin und Juljanow sagen aus, dass die wenigen Bewohner, die es dort noch gibt, am 8./9. Juni, es war Donnerstag/Freitag vor Pfingsten, in letzter Minute flüchten. Mit Pferdewagen, später auf Lastwagen des deutschen Militärs ziehen sie als Flüchtlinge nach Westen. Mit ihnen fliehen auch die beiden Frauen mit den drei kleinen Kindern aus Juljanow.

Doch bange Fragen begleiten sie.

Werden sie die wolhynische Heimat wiedersehen? Werden sie ihre an der Front befindlichen Männer und Brüder lebend wiederfinden? Wo werden sie weiterleben können? In dieser schweren Zeit trägt sie das Vertrauen in Gottes Hilfe.

Das Kriegsende erleben sie auf Gut Seegertswalde in Ostpreußen.

Die Fortsetzung der Familiengeschichte folgt in einiger Zeit unter „In Ostpreußen“