50 Jahre im Kreis Luck/Wolhynien
Das hier als Wolhynien bezeichnete Land (früher polnisch Wolhynien),
hat mit 20.000 Quadratkilometern etwa die Größe Hessens. Heute bildet
es die nordwestlichste Ecke der Ukraine. Begrenzt wird es im Westen
durch die polnische, im Norden von der, durch den Pripjet gebildeten,
weißrussischen Grenze, im Osten durch das Rownoer und im Süden durch
das Lemberger Gebiet. In der Geschichte war es meist unter polnischer,
zeitweise unter russischer Herrschaft. Dies Gebiet, in dem sich unsere
Vorfahren ansiedelten ist jedoch nur das westliche Drittel, des damals
als Siedlungsgebiet von Deutschen bekannten Wolhynien.
Die größte Stadt ist Luck (gesprochen Luzk), die heute 200.000
Einwohner hat. Der Raum in dem sich unsere Vorfahren niederließen liegt
nordwestlich der Stadt Luck. Entwässert wird das Land durch die rechten
Pripjet-Nebenflüsse Turja, Stochod, Styr und Horyn. Bei Tschernobyl, 60
km nördlich von Kiew, mündet der Pripjet in den Dnjepr, den
viertgrößten Strom Europas.
 Wie
bei anderen Siedlungen wohnten die Angekommenen zunächst entweder bei
vorausgezogenen Freunden oder Verwandten oder in Erdhütten. Im
Gegensatz zu den Siedlungen in Polen gab es hier jedoch keine
Reisegelder oder Aufbauhilfen. Während es sich bei den anderen
Siedlungen in Russland um staatliche Aktionen mit den entsprechenden
Vergünstigungen handelte, kamen die Siedler nach Wolhynien auf
Anwerbung privater Grundbesitzer.
Der das Land zum größten Teil besitzende polnische Adel war durch die
Finanzierung der Aufstände und die anschließenden Sanktionen in
Geldnöten. Außerdem hatte er durch den Verlust der ukrainischen
Leibeigenen keine Arbeitskräfte mehr. Da waren die Deutschen, von denen
man wusste, dass sie ihre Pacht bezahlten oder Land kauften, sehr
willkommen.
Die russische Regierung war von der in diese Grenzregion einströmenden
Welle deutscher Siedler überrascht und beobachtete sie mit gemischten
Gefühlen. Deshalb kam es 1887 für Nichtrussen zu dem Verbot, in
Wolhynien Immobilien zu erwerben.
Weitere Einschränkungen kultureller Art richteten sich nicht nur gegen
die Deutschen, sondern auch gegen die erwachenden ukrainischen
Freiheitsbedürfnisse. Sie trafen aber die deutschen Siedler hart. So
waren ab 1887 die Schulen nicht mehr Besitz der Kirchen, sondern
unterstanden dem russischen Amt für Volksaufklärung. Es musste in
Russisch unterrichtet werden.
Die Kirchenberichte von Pastor Kern, der der evangelischen Kirche in
Roziszcze von 1879 bis zu seinem Tod 1903 vorstand, geben ein
anschauliches Bild von seinem Kampf mit den Kulturbehörden um Wege, den
Kindern irgendwie die deutsche Sprache zu vermitteln.
Immer neue Erlasse erschweren das kirchliche Leben. Um 1897 kommt eine
Wendung zum Besseren. Die Erlasse bestehen zwar weiter, werden aber
praktisch nicht mehr angewandt. Die Zeit der vollen Duldung
deutsch-evangelischen Lebens seit Beginn der russischen Revolution
1905 bis zum Ersten Weltkrieg hat Kern nicht mehr erlebt.
Andreas Vetter zieht mit seiner Frau Emilie, geb. Wolff, wahrscheinlich
im Sommer 1866 von Powsin nach Wolhynien. Sein Sohn Johann ist 5
Jahre, Johanna 3 Jahre und Justyna Dorothea wenige Monate alt. Mit ihm
zieht seine Schwiegermutter Dorothea, geb. Ebert, und deren 18jährige
Tochter Anna. Der Schwiegervater Andreas Wolff war bereits 1846 in
Powsin verstorben.
 Heiraten und Auswanderungen.
Bereits im Januar 1867 heiratet Anna Wolff, als Wohnort ist angegeben
Porading (wahrscheinlich Boratyn) bei Tortschyn. Die Trauung wird in
der 1862 eingerichteten Evangelischen Kirchengemeinde Rozyszcze
durchgeführt. Von diesem Pfarramt wird später auch beurkundet, dass dem
Ehepaar Andreas und Emilie Vetter am 17.11.1868 der Sohn Carl geboren
wurde. Die Taufe wird am folgenden Tag durch Lehrer Theophil Hennig
vollzogen. Der Wohnort geht aus dieser Eintragung nicht eindeutig
hervor, wahrscheinlich ist es noch Boratyn gewesen. Ebenfalls in
Boratyn wird am 22.6.1871 noch ein Sohn, Joseph, geboren. Da er später
nicht mehr genannt wird kann es sein, dass er schon als Kind starb.
Andreas Vetter wird leider nur 35 Jahre alt. Sechs Jahre nach seiner
Auswanderung stirbt er am 23.11.1872. Seine Frau Emilie heiratet am
12.10.1873 noch einmal und lebt mit ihren Kindern und Ludwig Fitzer,
ihrem zweiten Mann dann in Siernik. Seinen Namen hat das Dörfchen von
der Sierna, die zwischen Luck und Roziszcze bei Rokin in den Styr
mündet.
Am 18.5.1881 heiratet die Tochter Johanna Leopold Domröse.
Am 23.8.1882 heiratet der Sohn Johann die auch aus dem Raum Plock stammende Emilie Gatzke.
Tochter Justyna Dorothea heiratet am 8.10.1885 Eduard Wendler.
Die Trauungen finden in der Evangelischen Kirche in Rozyszcze statt.
Im Frühjahr 1892 wandert Emilie mit Ludwig Fietzer, ihrem Sohn Carl und
den Familien Domröse und Wendler in die USA aus. Dort stirbt sie 1935
mit 96 Jahren.
Der älteste Sohn Johann, mein Großvater, wandert nicht mit aus sondern
bleibt in Wolhynien. Die beiden gründen ihre Familie in dem direkt am
Styr gelegenen Nachbardorf Rokin.
Bevor ich auf das Leben dieser Familie näher eingehe, halte ich es für
wichtig, die politischen Ereignisse dieser Zeit aufzuzeichnen, denn
sie bestimmten weitgehend das Ergehen dieser Generation.
| Daten der preußischen und russischen Geschichte dieser Epoche: |
| |
Preußen |
Russland |
| 1855 |
|
Alexander II. (1855-81) wird russischer Zar. |
| Febr. 1862 |
|
Aufhebung der Leibeigenschaft für die russischen Bauern |
| Sept. 1862 |
Bismarck übernimmt die Leitung der preußischen
Innen- und Außenpolitik |
|
| 1863 |
sichert er Russland die preußische Unterstützung
gegen die polnische Nationalbewegung zu. Daraufhin
wird der zweite polnische Aufstand mit preußischer
Hilfe niedergeschlagen. |
|
| Juli 1866 |
Österreich wird in der Schlacht von Königgrätz von
Preußen geschlagen. |
|
| Juli 1870 |
Frankreich erklärt Preußen den Krieg. |
|
| Januar 1871 |
Frankreich kapituliert.
Der preußische König Wilhelm I. wird zum deutschen
Kaiser gekrönt. |
|
| 1881 |
|
Alexander III. wird russischer Zar (1881-1894) |
| März 1887 |
|
Infolge der starken Zuwanderung nach Wolhynien
wird Ausländern der Erwerb von Immobilien in den
westlichen Gouvernements Russlands untersagt. Es
folgen weitere kulturelle Einschnitte für die
Wolhyniendeutschen. |
| 1887 |
Bismarck schließt mit Russland den
Rückversicherungsvertrag. Russland verpflichtet sich
darin, bei einem Angriff Frankreichs nicht einzugreifen. |
| März 1890 |
Abdankung Bismarcks. Seine Nachfolger
verweigern die Verlängerung des obengenannten
Vertrags, was zur Verstimmung Russlands und zur
Annäherung an Frankreich führt. |
| 1894 |
|
Nikolaus II. wird russischer Zar. |
| 1905 |
|
Die erste Revolution wird niedergeschlagen.
Lenin flieht in die Schweiz. |
| Juni 1914 |
Der Österreichische Thronfolger wird
in Sarajewo ermordet. |
| August 1914 |
Russland erklärt Deutschland den Krieg.
Der Erste Weltkrieg beginnt. Nachdem russische
Truppen tief nach Ostpreußen eingedrungen sind,
gelingt es Hindenburg, sie Ende August in der
Schlacht von Tannenberg vernichtend zu schlagen.
Anschließend Vormarsch der deutschen Truppen durch Polen. |
| Februar 1915 |
|
Der Zar erlässt das Liquidationsgesetz. Es bestimmt,
dass alle Deutschen in Wolhynien enteignet und nach
Sibirien deportiert werden. |
| Juni 1915 |
Die deutschen Truppen erreichen Wolhynien. |
|
| 1.Juli 1915 |
|
Das Liquidationsgesetz kommt zur Anwendung.
In Rokin und Umgebung führen die örtlichen
Polizeikommissare die Ausweisungen durch. |
| Ende Juli |
Die deutsche Armee nimmt Rokin/Luck ein. |
|
| Mitte August |
verbreitet sich in den Sammellagern die Nachricht,
dass die Soldatenfamilien zurückkehren dürfen. |
| Mitte Sept. |
Die Front kommt 50 km östlich vom Styr zum Stehen. |
| März 1916 |
Das deutsche Militär trifft Vorbereitungen
zur Evakuierung der restlichen Deutschen. |
| 4.Juni 1916 |
Beginn der Brusilow-Offensive. |
| 7.Juni 1916 |
Die russischen Truppen überschreiten
den Styr bei Luck nach Westen. |
| 15.12.1917 |
Waffenstillstand mit Russland. |
| 3.3.1918 |
Friede von Brest-Litowsk. |
| 11.11.1918 |
Waffenstillstand mit den Westmächten und Kriegsende. |
Wie gestaltet sich das Leben in Rokin?
Johann und Emilie Vetter begründen hier ihre Familie mit der Trauung im
Jahre 1882. In den Jahren 1883 bis 1908 werden ihnen zwölf Kinder
geboren. Drei von ihnen sterben als Kleinkinder.
Grosseltern Johann Vetter
* 15.8.1860
+ 29.4.1943
Emilie Vetter geb. Gatzke
* 12.9.1862
+ 1944
Eine alte in Rokin geborene Frau berichtete mir, dass der Hof der
Vetters am Nordende des Dorfes lag. Hier kommt der Styr ganz nahe an
das Dorf heran. So spielt der Fluss in den Berichten des Großvaters und
meiner Mutter auch eine besondere Rolle.

 Von
äußeren Beeinträchtigungen des Schulunterrichts hat Mutter nichts
berichtet. Nun war die Schule ohnehin mehr etwas für Zeiten, in denen
man nicht zu Hause gebraucht wurde. Die Arbeit auf dem Hof ging vor.
Einen besonderen Raum nimmt das geistliche Leben ein. Großvater Johann
Vetter, als Evangelist bekannt, ist im Winter oft in anderen Orten
unterwegs. Als Erweiterung des eigenen Lebenskreises wie für den
Kontakt zwischen den einzelnen Dörfern sind die Missionsfeste in den
umliegenden Siedlerdörfern wichtige Erlebnisse. Hier lernen die
Jugendlichen auch oft ihre Lebenspartner kennen. Besonders leuchteten
die Augen meiner Mutter, wenn sie von dem Ostersingen berichtete. Der
Ostermorgen, oder besser die Osternacht, muss für die Christen des
Ostens immer ein besonders eindrückliches Erleben gewesen sein.
Die nächste Generation heiratet
1906 heiratet die älteste Tochter Alwine Friedrich Uttich aus Juljanow
Boratin, das etwa 18 Km westwärts liegt. Ihnen werden die Kinder Rudolf
(1907), Reinhold (1909), Natalie (1911), Emil (1913) und Marta (1915)
geboren.
Am 15. Februar 1911 heiratet Wilhelm Lydia, die Schwester von Friedrich
Uttich. Die damalige Braut erinnert sich später daran, an diesem Tag
zum ersten mal eine Eisenbahn gesehen zu haben, denn Roziszcze, der
Ort der Trauung, liegt an der Eisenbahnlinie Rowno-Kowel. Ihnen wird
1912 die Tochter Olga und 1914 der Sohn Karl geboren.
Das Foto hat Wilhelm im Krieg bei sich getragen. Die Spuren sind deutlich sichtbar.
1912 heiratet Natalie Heinrich Dinter.
1913 wird Tochter Ida geboren.
Auguste, meine Mutter heiratet vier Wochen vor Kriegsbeginn am
28.6.1914 Heinrich Müller aus Huschtsche, den sie auf einem
Missionsfest kennen gelernt hat.
Für diese nächste Siedlergeneration entsteht nördlich von Rokin das Dorf Neu Rokin.
Der Ausbruch des Krieges muss für die Familie wie für die anderen
deutschen Siedler ein Schockerlebnis gewesen sein. Als Leute, die in
dieser abgelegenen Gegend mit der großen Politik kaum in Berührung
kamen, erleben sie, wie sie plötzlich Staatsfeinde sind.
Zwar müssen Wilhelm und die Schwiegersöhne Heinrich Dinter und Heinrich
Müller als Soldaten zum russischen Militär. Trotzdem kommt sechs Monate
nach Kriegsbeginn dieses furchtbare Liquidationsgesetz, das wie eine
ungeheure Bedrohung über ihnen hängt und an dessen Durchführung niemand
glauben will. Alle Deutschen sollen Wolhynien verlassen und nach
Sibirien verbannt werden.
Am 2.6.1915 kommt meine Mutter, die jetzt bei ihren Schwiegereltern in
Huschtsche lebt, mit ihrer ersten Tochter Martha nieder. Eine Woche
später erhält sie die Nachricht, dass ihr Mann gefallen ist. Sie kehrt
mit ihrem Säugling zu ihren Eltern nach Rokin zurück und erlebt mit
ihnen im Juli 1915 die Ausweisung aus Rokin.
Deportation 1915 - Flucht 1916
Auf Anweisung der Polizeibehörde stehen die Wagen bereits gepackt, als
der Befehl kommt, sofort unter Polizeibegleitung die Heimat zu
verlassen. Während man von Westen schon das Grollen der näherkommenden
Front hört, treibt man sie in eine völlig ungewisse Zukunft
nord/ostwärts. Die Wagenkolonnen werden unter Bewachung etwa 100 km
nach Nordosten geführt. Bei David-Gorodock, das zwischen den
Einmündungen der Flüsse Styr und Horyn in den Pripjet liegt, werden die
Menschen in Lagern zusammengefasst. Nach einigen Wochen müssen sie die
Wagen verlassen und in Eisenbahnwaggons die Reise nach Sibirien
antreten.
Der Lehrer und Kantor Joseph Weiss beschreibt die Vertreibung der
Gemeinde Juljanow, dem Wohnort der Familie Uttich. In Rokin wie in den
anderen Orten wird es ähnlich gewesen sein:
„Die Vertreibung der Juljanower Schulgemeinde geschah an einem Sonntag.
Wilhelm Drews, der während der Einberufung des Kantors die Predigten
las, hatte den Gottesdienst noch vor einem Häuflein verängstigter
Frauen und Kinder gehalten, als plötzlich Polizisten und Kosaken in der
Kolonie auftauchten. Sie drohten jeden zu erhängen, der nicht innerhalb
einer Stunde fort sei.
Unter Tränen wurden die Pferde vor die Wagen gespannt, die man schon
seit Tagen auf Anordnung der Polizei gepackt hatte, und zögernd setzte
sich der Zug in Richtung Roszczysze in Bewegung, wo die Brücke über den
Styr passiert werden sollte. Einige Frauen, die heimlich, geschützt
durch das hohe Getreide – man stand unmittelbar vor der Ernte! –
zurückgelaufen waren, um das Vieh, die Schweine und das Kleinvieh, das
man in der Hast des Aufbruchs vergessen hatte, und die Hunde von ihren
Ketten zu lösen, erzählten später unter Tränen von den ersten
zwielichtigen Gestalten, die sie auf den Höfen angetroffen hatten und
die anscheinend nur darauf warteten, die vollen Häuser und Kammern
auszurauben.
Am ersten Tag kam der Treck – etwa 65 Wagen – in schleppendem Schritt
nur bis zum Dorf Ulanicki. Hier zeigten sich die, mit einem solchen Zug
verbundenen, Versorgungsprobleme.
Die kleinen flachen Brunnen der Ukrainer reichten kaum für die
Versorgung des eigenen Viehs, nicht aber für 150 zusätzliche Pferde und
etwa 60-70 Kühe. Dazu kam das Problem der Zubereitung warmer
Mahlzeiten. Kurzum, die Katastrophe begann sich abzuzeichnen.
Am zweiten Tag kam der Treck durch die deutsche Kolonie Bryszcze. Am
dritten Tag erreichte man die geschotterte Straße Kowel – Luck. Hier
hörten die Juljanower den Geschützdonner so laut, dass sie neuen Mut
schöpften. Hofften sie doch von der Front überrollt zu werden, und dann
auf ihre Höfe zurück zu können.
Bei Kopaczowka hielt der Treck und man hielt unter offenem Himmel eine
Gebetstunde. Doch die Polizei, die den Zug eskortierte, und die man
durch Geld zum Einlegen dieser Pause bewegen konnte, drängte zum
Aufbruch. Nur gut, dass die Polizisten kein Deutsch verstanden und
nicht ahnten, worum die Männer und Frauen in ihrer Verzweiflung gebetet
hatten: „Lieber Gott! Lass doch die Deutschen kommen, damit wir nicht
fort müssen!“
So kam man endlich nach Roszczysze“.
Es war wohl trotz des Durcheinanders gelungen, zu den Rokinern Kontakt
aufzunehmen. Zu denen die aus Rokin vertrieben wurden gehörten auch
Johann und Emilie Vetter. Diese Großfamilie bestand aus den Eltern; der
Schwiegertochter Lydia mit ihren 3 und 1 Jahr alten Kindern; die
Tochter Natalie mit ihrer 18 Monate alten Tochter und Auguste mit ihrem
vier Wochen alten Säugling; sowie dem 16jährigen Leonhard, der
12jährigen Lydia und dem 7jährigen Theodor.
Joseph Weiss schreibt über den weiteren Weg:
„Auf der rechten Styrseite begannen jetzt die sandigen und sumpfigen Wege Polesiens.
Allmählich erreichte der Elendszug bei David-Gorodock den Pripjet. Hier
in den Sümpfen ließ man die vielen Menschen unter freiem Himmel
campieren, bis eine Seuche ausbrach und viele starben. Endlich, im
späten Herbst wurden die armen Leute auf Kähne verladen und bis ins
Innere Russlands, manche bis hinter den Ural gebracht.“
Zu den ersten Opfern der Cholera gehören Friedrich und Alwine Uttich.
Die fünf Kinder überleben zunächst unter der Obhut ihrer Großmutter
Juliane Uttich. Doch die beiden jüngsten Kinder, der zweijährige Emil
und die drei Monate alte Marta sind den Strapazen des weiteren Weges
nicht gewachsen und sterben unterwegs. Die drei älteren Kinder
erreichen mit der Großmutter das Deportationsziel Samara und kehren
drei Jahre später nach Wolhynien zurück.
Karte des Deportationsweges Es gibt Berichte von Leuten, die sich in den Pripjetsümpfen bis zum Frontdurchgang versteckten.
Mehrere Berichte sprechen davon, dass die Soldatenfamilien in den
Sammellagern zurückgeschickt wurden. Laut Zarenerlass sollten diese
Familien vom Abtransport ausgenommen werden. Die örtlichen
Polizeibeamten hatten jedoch in eigener Machtvollkommenheit alle
Deutschen auf den Weg gebracht.
Lydia Vetter, die Frau des Sohnes Wilhelm berichtet, dass die Wagen der
Vetterfamilie in der Nacht immer so weit zurückfuhren, wie sie am Tag
nach nord/osten gefahren waren. So hätten sie die Rettung und den
Frontdurchgang erlebt.
Jedenfalls trifft die Vetterfamilie nach vielen Wochen wieder in Rokin
ein, das inzwischen unter deutscher Besatzung ist. Während die
elterliche Familie in Rokin bleibt, ziehen meine Mutter und ihre
Schwägerin Lydia mit den 3 Kindern in Lydias nun leerstehendes
Elternhaus nach Juljanow-Boratin.
Nur Einzelne der Siedlerfamilien sind der Deportation entgangen. Sie
sind vorerst gerettet. Während die Front ca. 50 km östlich des Styr zum
Stehen kommt, leben die beiden Frauen mit ihren drei kleinen Kindern
von Herbst 1915 bis Frühjahr 1916 in Juljanow.
Anfang Juni 1916 wird es an der Front wieder lebendig. Unter General
Brusilow starten die Russen eine Offensive. Nach drei Tagen sind sie am
Styr, den sie bei Rokin und Luck überschreiten.
 In
Eile wird das Wichtigste zusammengepackt. Berichte aus 3 Dörfern
zwischen Rokin und Juljanow sagen aus, dass die wenigen Bewohner, die
es dort noch gibt, am 8./9. Juni, es war Donnerstag/Freitag vor
Pfingsten, in letzter Minute flüchten. Mit Pferdewagen, später auf
Lastwagen des deutschen Militärs ziehen sie als Flüchtlinge nach
Westen. Mit ihnen fliehen auch die beiden Frauen mit den drei kleinen
Kindern aus Juljanow.
Doch bange Fragen begleiten sie.
Werden sie die wolhynische Heimat wiedersehen? Werden sie ihre an der
Front befindlichen Männer und Brüder lebend wiederfinden? Wo werden
sie weiterleben können? In dieser schweren Zeit trägt sie das Vertrauen
in Gottes Hilfe.
Das Kriegsende erleben sie auf Gut Seegertswalde in Ostpreußen.
Die Fortsetzung der Familiengeschichte folgt in einiger Zeit unter „In Ostpreußen“
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